Interview mit Bernd Perplies

Elchi | Montag, 7. April 2014 |
Name / Autorennamen (Pseudonyme):
Bernd Perplies

geboren:
1977 in Wiesbaden

Homepage / Blog:

Facebook:
Bernd Perplies







Foto: Bernd Perplies

Ab wann war Dir bewusst, dass du Autor werden wolltest?
Was hat Dich dazu bewegt?

Ich habe schon immer gerne geschrieben. Früheste Fantasy-Erzählungen datieren bis in die Grundschule zurück (zum Glück sind diese Werke heute verschollen), in der Mittelstufe folgten zahlreiche „Freie Texte“. Dazu kamen Kurzgeschichten, die ich für Freunde und Verwandte verfasste. Dass es so lange gedauert hat, bis ich endlich meinen Debütroman zu Papier gebracht habe, liegt wohl vor allem daran, dass ich jahrelang nicht das Durchhaltevermögen hatte, 300 und mehr Seiten zusammenhängenden Text niederzuschreiben. Irgendwie hat mir der nötige Anstoß dazu gefehlt. Das änderte sich Mitte 2006. Denn zum einen nahte mein 30. Geburtstag, also diese magische Grenze, die einem fortwährend einflüstert: „Tu was! Verwirkliche deine Träume jetzt! Oder lass es die nächsten 30 Jahre sein und such dir einen ordentlichen Job.“ Zum anderen flatterte mir die Einladung zu einem Schreibwettbewerb ins Haus, für den man einen phantastischen Roman verfassen sollte. Also sagte ich mir: „Verdammt, du wolltest schon immer einen Roman schreiben - und nie hast du es geschafft. Jetzt aber!“ Und dann habe ich alle anderen Dinge in meinem Leben zurückgestellt und mich hingesetzt und es getan.

Gibt es in deinen Büchern Parallelen zu eigenen Erfahrungen, die dich dazu inspiriert haben? Bzw. woher nimmst du deine Inspiration?

Da ich eigentlich ausschließlich Phantastik schreibe, gibt es relativ wenig Parallelen zwischen meinem Leben und denen meiner Romanfiguren (und dafür bin ich dankbar, denn auch wenn die Geschichte am Ende meist gut ausgeht, ist der Weg stets voller Entbehrungen und gefährlicher Situationen). Inspirationen hole ich mir von überallher: aus der Zeitung, aus dem Internet, aus Filmen, die ich sehe, und Gesprächen, die ihr führe. Ich entdecke interessante Dinge bei Spaziergängen, langen Zugfahrten oder Urlaubsreisen. Dabei ist es meiner Meinung nach aber gar nicht so wichtig, rund um den Globus zu jagen, um exotische Orte und Kulturen kennenzulernen. Wichtig ist, einfach immer mit offenen Augen und offenem Geist durch die Welt zu gehen und auch scheinbar banalen Dingen neugierig gegenüberzustehen. Dann kommen die Ideen für Geschichten von ganz allein.

Was bedeutet Lesen für Dich?

Früher war Lesen schlichtweg meine Lieblingsfreizeitbeschäftigung, weil man großartig im Geiste an ferne Orte reisen und tolle Abenteuer erleben konnte. Heute gehört Lesen praktisch mit zu meinem Beruf (zu Recherche-, Informations- und Rezensionszwecken), wodurch ich nicht mehr so frei in meiner Lektürewahl bin und auch oft ein Hauch von „Arbeit“ beim Lesen mitschwingt. Allerdings gönne ich es mir vor allem in Urlaubswochen, einfach mal völlig spontan an meine Bücherregale zu gehen und irgendein Buch hervorzuziehen, das mich gerade reizt – völlig ohne beruflichen Hintergedanken.

Hast du als kleines Kind schon gerne gelesen?

Ich habe schon immer gerne gelesen. In meiner Kindheit habe ich mich gemeinsam mit einem Nachbarsjungen durch die halbe Kinder- und Jugendbuchabteilung unserer Dorfbücherei gelesen: „TKKG“, „Burg Schreckenstein“, „Mark Brandis“, „Winnetou“, die schwarzen Fantasy-Bände der Hohlbeins aus dem Ueberreuter-Verlag. Kein Buch war vor mir sicher. Das exzessive Sammeln von Büchern kam dann allerdings erst im Erwachsenenalter, als ich mir die Dekadenz leisten konnte, auch Bücher zu kaufen, die ich nicht direkt lesen möchte, sondern einfach nur gerne hätte – für irgendwann später.

Welche waren deine liebsten Kinderbücher?

Das kann ich heute gar nicht mehr sagen. Ich habe die ganze Palette gelesen, die damals so angesagt war, glaube ich: „Urmel aus dem Eis“, „Räuber Hotzenplotz“, „Das kleine Gespenst“, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ – in nicht ganz dieser Reihefolge, schätze ich, aber das war alles vor dem zehnten Lebensjahr.  Meine erste große Besessenheit war sicher „TKKG“, weil unsere Dorfbücherei davon ein oder zwei Regalbretter voll besaß und ich möglichst rasch alle Bände gelesen haben wollte.

Wer ist dein(e) Lieblings-Autor(in)?

Ich glaube, so etwas wie einen Lieblingsautor habe ich nicht. Ich weiß zu schätzen, was viele meiner Kollegen schreiben, aber ich fiebere nicht etwa jeder Neuerscheinung von – sagen wir – Stephen King entgegen. Als Jugendlicher habe ich sehr viel Wolfgang Hohlbein gelesen, was aber vermutlich daran lag, dass es in der Phantastik kaum eine Alternative gab. Eine Weile war ich ein begeisterter Terry-Pratchett-Leser, doch irgendwann hatte ich seinen Witz über, muss ich gestehen. Ich mag Tad Williams wegen seiner blumigen Sprache und H. P. Lovecraft, weil er einfach großartig eine Atmosphäre dumpfen Grauens hervorrufen konnte. Ansonsten lese ich mich ziellos quer durch die gesamte Phantastik.


Welche Genres liest du am liebsten? 
Welche Genres magst du nicht so gerne? Und warum?

Ich lese praktisch nur Phantastik – in all ihren Spielarten. Warum? Weil sie der Fantasie keine Zügel anlegt, sondern mich auf Reisen mitnimmt, die in die ungewöhnlichsten Richtungen führen können. Krimis dagegen interessieren mich so gut wie gar nicht. Es ist natürlich ein Vorurteil, aber Mord-Aufklärung-Mord-Aufklärung-Mord-Aufklärung (und das bestenfalls mit unterschiedlichem Lokalkolorit) ist mir schlicht zu dröge und zu gewöhnlich. Vielleicht nervt mich auch einfach, dass Krimis in Deutschland so unproportional viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, sowohl im Fernsehen als auch in der Belletristik. Wo man hinschaut, ermitteln mehr oder weniger austauschbare Teams im Sumpf deutscher Großstädte oder im trügerischen Frieden der deutschen Provinz.

Liest du lieber Bücher mit Happy End oder ohne?

Ich mag Bücher, die nach einem gerne schweren Kampf auf zumindest einer versöhnlichen Note enden oder mit einem Silberstreif der Hoffnung am Horizont. Es muss kein kitschiges Ende-Gut-Alles-Gut sein, aber wenn auf der letzten Seite auch der letzte Protagonist stirbt, dann ist mir das doch etwas zu depressiv. Da kann ich auch Nachrichten schauen.

Darf eine Geschichte auch total skurril und abgefahren sein, oder sollte sie trotz Fantasy-Elemente lieber authentisch wirken?

Geht beides. Hier kenne ich keine Berührungsängste. Oder schränken wir mal ein: Mit Douglas-Adams-Skurrilität habe ich keine Probleme. Osteuropäische Science-Fiction ist mir dagegen mitunter doch etwas zu eigenartig (beispielsweise das ein oder andere, was Stanislaw Lem oder die Brüder Strugatzki geschrieben haben).

Was gefällt Dir an einem Buch überhaupt nicht?

Das kann ich pauschal gar nicht sagen. Geschichten können so unterschiedlich sein, dass das, was im einen Fall völlig okay ist, im anderen gar nicht geht. Solange ich mich gut unterhalten fühle, ist alles in Ordnung. Wobei … das wäre dann ja schon ein Kriterium. Mir gefällt an einem Buch gar nicht, wenn es mich langweilt. Wenn es beispielsweise viel zu lang ist und seitenweise nur inhaltlich Wasser getreten wird. Denn um mich mit etwas zu beschäftigen, das mich langweilt, ist mir meine kostbare Freizeit zu schade.

Wie sehen deiner Meinung nach die perfekten Charaktere aus? 
Welche Eigenschaften sollten sie besitzen?

Sie sollen mich als Leser berühren, sie sollen mich mit sich ins Abenteuer ziehen. Sperrige Charaktere mit unendlich vielen Problemen und psychologischen Macken mögen literarisch reizvoll sein, aber sie bleiben mir als Leser auch fremd. Ich kann über sie lesen, aber nur schwer mit ihnen erleben. Die besten Figuren sind vielschichtig und gut zugänglich zugleich. (Ein gutes aktuelles Beispiel ist die Figur des Tyrion Lannister in der TV-Serie „Game of Thrones“.)

Was hältst du von Buchreihen?
Liest du sie gerne oder magst du lieber Einzelbände?

Ich mag Buchreihen durchaus, solange sie aber bereit sind, irgendwann auch ein Ende zu finden. Endlosreihen schrecken mich eher ab, nicht, weil ich per se etwas dagegen hätte, sondern weil ich schlichtweg keine Zeit habe, sie so gewissenhaft zu verfolgen, wie ich es müsste, wenn ich mich wirklich darauf einlassen wollte. Ein guter Kompromiss sind hier Einzelbände, die aber in ein größeres Universum eingebettet sind. Man kann sie lesen, ohne große Vorkenntnisse besitzen zu müssen, legt aber mit jedem Buch ein weiteres Puzzleteil aus, das zu einem riesigen Weltenbild gehört.

Bevorzugst du Taschenbücher, Hardcover Ausgaben oder E-Books? Und warum?

Alles hat seinen Wert. Hardcover-Ausgaben sehen besonders gut im Regal aus. Taschenbücher lassen sich am gemütlichsten auf dem Sofa lesen (weil sie nicht so schwergewichtig in der Hand liegen) und e-Books sind meine besten Freunde, wenn ich mich auf Reisen begebe (ebenfalls aus Gewichtsgründen und weil ein e-Book nicht verknicken oder schmutzig werden kann).

Darf ein Buch Leserillen und Eselsohren haben, oder sollte es möglichst neu aussehen (auch nach dem Lesen)?

Keine Leserillen, keine Eselsohren, keine Knicke. Ich liebe meine Bücher zu sehr, um sie zu verschandeln. Ich weiß, dass manche Leute behaupten, Bücher hätten erst dann eine Seele oder ein gutes Leben gehabt, wenn sie richtig schön zerlesen aussehen. Aber, he, ein Mensch sieht doch auch lieber frisch und jugendlich aus, als verknittert und verbraucht! Aus diesem Grund pflege ich meine Sammlung so gut es geht.

Wie wichtig ist dir das Cover eines Buches?

Ein gutes Cover muss schon sein. Denn ist das Cover nicht schon immer das erste Versprechen an den Leser? Verheißt es uns nicht Spannung, Romantik, Schrecken oder was auch immer? Klar, dieses Versprechen muss der Text danach nicht unbedingt einhalten – oft genug haben Cover und Inhalt leider wenig bis gar nichts miteinander zu tun. Dennoch: Im Optimalfall stimmt mich ein gelungenes Cover schon vor der Lektüre auf das zu Erlebende ein, und das weiß ich durchaus zu schätzen.

Hast auch du einen SuB (Stapel ungelesener Bücher) und weißt wie viele Bücher sich in etwa darauf befinden?

Nein, ich habe eher RuBs (Regale ungelesener Bücher), und ehrlich gesagt will ich gar nicht wissen, wie viele Bücher darin stehen. Ich schätze, dass ich heute aufhören könnte, mir neue Bücher zu kaufen und hätte trotzdem genug frischen Lesestoff bis zu meinem hoffentlich noch weit entfernten Lebensende.

Wie findest du Buchverfilmungen? 
Magst du diese gerne oder schaust du dir diese lieber nicht an?

Ich beurteile Buchverfilmungen wie jeden anderen Film auch. Ist sie unterhaltsam, schaue ich sie mir gerne an. Sind die Schauspieler mies oder die Geschichte langweilig oder die technische Umsetzung ärmlich, betrachte ich sie eher kritisch. Werktreue ist für mich dagegen kein notwendiges Kriterium für Qualität. Mir ist völlig klar, dass Filme anders erzählen als Bücher. Daher klebt eine gute Buchverfilmung auch nicht sklavisch an den Seiten der Vorlage, sondern emanzipiert sich, nimmt den Kern der Geschichte und formt daraus etwas Neues, ohne das Buch, dem sie seine Existenz verdankt, zu verraten.

In welches Buch würdest du dich gerne einmal selbst hinein träumen?

Ich stelle immer wieder fest, dass ich zwar sehr gerne das lese, was ich lese, aber es eigentlich nicht selbst erleben möchte – was vermutlich daran liegt, dass ich vor allem Abenteuergeschichten zur Hand nehme. Und so magisch die Landschaft in einem Fantasy-Werk beschrieben sein mag: Man darf nie vergessen, dass die nächste Lebensgefahr keine fünf Seiten entfernt lauert. Außerdem haben die Typen dort – und das wird ja kaum jemals thematisiert – kein fließend Wasser in ihren Burgen, keine ordentliche medizinische Versorgung, kein Internet und meist auch keine Bücher! Aber so ein „Star Trek – The Next Generation“-Roman wäre vielleicht ganz erstrebenswert. An Bord der USS Enterprise-D finden Komfort und Entdeckergeist auf beneidenswerte Weise zusammen. Klar ist es auch draußen im All gefährlich. Aber wenn man kein rotes Hemd trägt, ist die Chance, dass man am Ende überlebt, doch recht groß.

Wo liest du am liebsten?

Überall da, wo es ruhig genug ist, dass ich mich ungestört in meine Lektüre vertiefen kann. Das heißt, dass ich lieber zuhause in einem bequemen Sessel lese, als in einem Café oder in einer vollbesetzten S-Bahn. (Wobei ich auch das jahrelang gemacht habe. Ging auch. Aber zugegebenermaßen war das eine S-Bahn mit meist müden Berufspendlern, die selbst ihre Ruhe haben wollten. In einem Wagen voller Schulkinder hätte ich wohl keine Seite geschafft.)

Was gehört für Dich zu einem gemütlichen Lesenachmittag /-abend dazu?

Ein Buch. Mehr brauche ich eigentlich nicht. :)


Lieber Bernd, ich bedanke mich recht herzlich für dieses tolle Interview und deine ausführlichen Antworten! Sei ganz lieb gedrückt, Michèle!

1 Kommentar:

  1. Ein tolles Interview, Bernds Antworten sind wie ich sie erwartet habe, ehrlich und sehr sympathisch :)

    Liebe Grüße, Ally

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